Der Großteil der deutschen Bevölkerung gehört dem Christentum an. Darüber hinaus sind in Deutschland zahlreiche weitere Religionen vertreten, wie beispielsweise Islam, Buddhismus oder Judentum. Dieser Artikel stellt die wichtigsten Elemente einer jüdischen Beisetzung und die Umsetzung der jüdischen Bestattungstradition in Deutschland vor.
Der Großteil der in Deutschland lebenden Juden lässt sich nach seinem Tod auch hier beisetzen. Davon geht zumindest Yaacov Zinvirt, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen, aufgrund seiner Erfahrungen aus. Rund 3.000 Mitglieder zählt seine Gemeinde, pro Jahr führt der Rabbiner zwischen zehn und zwölf Beisetzungen durch. „Unsere Gemeindemitglieder lassen sich hauptsächlich in Deutschland beisetzen“, erzählt Yaacov Zinvirt. „Überführungen nach Israel gibt es nur vereinzelt.“ Die jüdischen Bestattungsrituale unterscheiden sich laut dem Rabbiner kaum von denen in Israel. „Bräuche wie beispielsweise die Trauergesetze werden von den Juden in Deutschland in der Regel ebenso streng eingehalten wie in Israel“, erklärt der Duisburger. Doch wie gestaltet sich eine jüdische Bestattung überhaupt? Und welche Pflichten ergeben sich aus der jüdischen Bestattungstradition für die Hinterbliebenen?
Vor der Bestattung*
Die jüdische Religion schreibt ähnlich wie der Islam die schnellstmögliche Beisetzung von Verstorbenen vor. Bereits vor der eigentlichen Bestattung werden verschiedene Rituale durchgeführt. So wird für den Verstorbenen direkt nach seinem Tod ein Licht angezündet. Ist der Tod zuhause eingetreten, werden alle Spiegel in der Wohnung verhangen. Ein Grund für diesen Brauch liegt unter anderem in der Befürchtung, die Trauer könne sich sonst verdoppeln.
Bevor dem Verstorbenen die Totenkleidung angelegt wird – ein weißes Totenhemd aus Leinen und bei Männern zusätzlich der Gebetsmantel (Tallit) – erfolgt die rituelle Waschung des Leichnams. Sie wird ebenso wie die Überführung in die Leichenhalle und die Niederlassung des Sarges in das Grab von der Chewra Kadischa, dem „Heiligen Verein“, durchgeführt. „Die Chewra Kadischa gibt es in fast jeder jüdischen Gemeinde“, so Rabbiner Yaacov Zinvirt. „Die weiblichen Mitglieder des Vereins übernehmen die Waschung von verstorbenen Frauen, die Männer werden von Männern gewaschen.“ Bis zur Beisetzungszeremonie sowie der eigentlichen Bestattung wird der Verstorbene nicht allein gelassen. Während der Totenwache werden verschiedene Psalme rezitiert.
Beisetzungszeremonie
Die jüdische Bestattungszeremonie findet üblicherweise in speziellen Räumen des Friedhofs statt, kann aber auch am offenen Grab erfolgen. „Die Zeremonie beginnt mit einer Trauerrede. Sie wird von dem Rabbiner der Gemeinde, dem Kantor oder
einem anderen jüdischen Redner gehalten, der dem Toten zu Lebzeiten nahe gestanden hat“, berichtet Yaacov Zinvirt. Nach einem Gebet für das Seelenheil des Verstorbenen erfolgt die „Krija“ – wenn sie nicht bereits direkt nach dem Eintritt des Todes vorgenommen wurde. „Als Zeichen der Trauer reißen sich die Hinterbliebenen ihre Kleidung ein“, erklärt Yaacov Zinvirt. „Für seine verstorbenen Eltern reißt man die Kleidung an der linken Seite ein, in der Nähe zum Herzen. Für andere Verwandte nimmt man den Riss an der rechten Seite vor“, so der Rabbiner. „Nach der Trauerzeit wird der Riss vernäht. Handelt es sich bei den Verstorbenen allerdings um die Eltern, wird der Riss gar nicht genäht.“
Schwerer Gang zum Grab
Der Gang zum Grab wird mehrere Male unterbrochen, um die Schwere des Weges anzudeuten. Am Grab angelangt, rezitiert der Sohn des Toten oder der nächste männliche Angehörige das Kaddisch*2. (Bei dem Gebet handelt es sich um Lobpreisung Gottes. Obwohl es inhaltlich nichts mit dem Thema Tod zu tun hat, wird es auch in den Gottesdiensten zum Totengedenken gesagt). Der Rabbiner beginnt damit, das Grab zuzuschaufeln, danach folgen die männlichen Mitglieder der Trauerfamilie. Nach dieser symbolischen Handlung beginnt das eigentliche Zuschaufeln des Grabes, das möglichst durch Freunde und andere Anwesende erfolgen sollte. Nach dem Abschiedsgebet legen die Trauernden in Gedenken an den Toten einen kleinen Stein auf das Grab.
Vor dem Verlassen des Friedhofs ist nach jüdischem Glauben das dreimalige Waschen der Hände erforderlich, ohne diese danach abzutrocknen. Diese Handlung steht symbolisch für die eingetretene Änderung. „Darüber hinaus befreien wir uns durch das Händewaschen von unseren schlechten Gedanken, die wir durch das traurige Ereignis bekommen haben“, erläutert Yaacov Zinvirt. „Zu diesen schlechten Gedanken zählen beispielsweise der Verlust des Gottvertrauens, das sich in dunklen Stunden bei den Hinterbliebenen einschleichen kann. Durch das Händewaschen befreit man sich selbst, seine Seele und seine Gedanken davon“, so der Rabbiner.
Nach der Beisetzung folgen die jüdischen Trauerzeiten Schiwa (die Trauerwoche), Scheloschim (der Trauermonat) und Awelut (das Trauerjahr für verstorbene Eltern).
Schiwa
Während der Trauerwoche gelten für alle sieben nahen Verwandten - Sohn, Tochter, Vater, Mutter, Schwester, Bruder und Ehefrau/ Ehemann – bestimmte Regeln und Vorschriften. So ist es unter anderem ihr Pflicht, täglich das Kaddisch zu sprechen. Zu den Verboten zählen beispielsweise das Tragen von Schmuck oder das Ausüben von Arbeit. Von den religiösen Pflichten, wie beispielsweise dem Gottesdienst in der Synagoge, sind die Hinterbliebenen in dieser Zeit entbunden.
Von den Vorschriften während der Schiwa gibt es nur wenige Ausnahmen: Fällt der Sabbat in die Zeit der Schiwa, wird die Trauerwoche unterbrochen, der Besuch der Synagoge ist erlaubt. „Ausgesetzt werden die sieben Trauertage zudem, wenn eines unserer drei Walfahrtsfeste – Pessach, Schawuot oder Sukkot – in diese Zeit fällt“, so Rabbiner Yaacov Zinvirt.
Scheloschim
Auch die Scheloschim, der Trauermonat, gilt für alle sieben nahe stehenden Verwandten. Während dieser dreißigtägigen Zeit ist es weiterhin Plicht, für den Verstorbenen täglich das Kaddisch zu sprechen. Feste sollten in dieser Zeit vermieden werden, Rasieren und Haareschneiden sind ebenfalls weiterhin verboten. Wieder erlaubt sind das Arbeiten zum Erwerb sowie der Besuch des Gottesdienstes in der Synagoge.
Awelut und Jahrzeit
Handelt es sich bei dem Verstorbenen um einen Elternteil, dauert die Trauerphase für die sieben nahen Verwandten ein Jahr lang. Festlichkeiten sollten auch in dieser Zeit vermieden werden, das tägliche Sprechen des Kaddischs ist weiterhin Pflicht. Nach dem Ablauf von zwölf jüdischen Kalendermonaten endet das Trauerjahr, danach darf öffentlich keine Trauer mehr gezeigt werden. Nach dem Todestag wird jährlich die so genannte Jahrzeit abgehalten. An diesem Tag wird dem Verstorbenen gedacht, das Kaddisch gesprochen und zu seinen Ehren für 24 Stunden ein Licht entzündet.
Das Grab
Die jüdische Religion lehnt Einäscherungen ab. Der Grund dafür liegt in der biblischen Vorstellung, dass der Körper nach dem Tod in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehrt: Genesis 3,19*3: „Denn Erde bist du, und zur Erde kehrst du wieder.“ Jüdische Bestattungen erfolgen daher üblicherweise als Erdbestattung. Das Grab selbst bleibt meist bis zur ersten Jahrzeit nur mit Erde bedeckt. Erst danach wird der Grabstein gesetzt. Yaacov Zinvirt: „Ab und zu wird der Grabstein auch bereits nach 30 Tagen gesetzt. Es hat sich allerdings eingebürgert, den Stein nach einem Jahr anbringen zu lassen. Das hat aber vor allem praktische Gründe. Viele Steinsetze gehen davon aus, dass nach dieser Zeit eine bessere Standfestigkeit erzielt wird.“
Ewige Totenruhe
Für jüdische Gräber besteht – ähnlich wie im Islam – das Gebot der ewigen Totenruhe. Um diese religiöse Vorschrift, die mit den Deutschen Bestattungsgesetzen kollidiert, nicht nur auf jüdischen Friedhöfen einhalten zu können, gibt es mittlerweile auch auf einigen städtischen Friedhöfen in Deutschland gesonderte Grabfelder. Die Gestaltung der Gräber wird normalerweise schlicht gehalten. „Nach jüdischem Glauben haben Blumen auf Gräbern keinen Sinn und Zweck“, berichtet Yaacov Zinvirt. „Vor allem externe Einflüsse haben jedoch dazu geführt, dass auch auf jüdischen Gräbern immer häufiger Blumen zu finden sind.“
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* Alle nicht anders gekennzeichneten Informationen zur jüdischen Bestattungstradition stammen aus dem Buch „Vom Abschiednehmen“; Victor Goldschmidt Verlag Basel; Autor: Menachem Halewi Klein, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main
*2 Kaddisch: Bei dem Gebet handelt es sich um eine Lobpreisung Gottes. Obwohl es nichts mit dem Thema Tod zu tun hat, wird es auch in den Gottesdiensten zum Totengedenken gesagt.
*3 Genesis: Das 1. Buch Mose, das erste Buch der hebräischen und christlichen Bibel