02.07.10
Die neuen Bestatterinnen

Man darf gar nicht erst anfangen zu denken, dass es eigentlich nicht noch schlimmer kommen kann. Finanz- und Wirtschaftskrise, Opel, Karstadt, der Vulkan und die Griechen. Was kann uns da noch schocken? Doch die Frage heißt nicht: was, sondern wer? Wer ist noch bedrohlicher als ein Börsencrash, ein Tsunami oder ein freilaufender und bissiger Dobermann? Für einen echten Krawuttke gibt es nur eines. Ein neuer Bestatter in der Stadt.

Zuerst war es nur ein Gerücht. Da soll in der Innenstadt ein neuer Laden aufmachen, munkelte man beim Bäcker bereits seit Wochen. Entweder ein Versicherungsbüro, eine Fahrschule oder ein Bestatter. Dabei kassierte ich jede Menge kritische Seitenblicke. Doch ich ließ mir nichts anmerken. Obwohl mir die Nerven gehörig flatterten. Mit Wettbewerb hatten wir Krawuttkes bisher noch nicht so viel Erfahrung. Seit 1930 sind wir zwar der erste Bestatter am Platze, allerdings auch der Einzige.

Und es kam, wie es kommen musste. Aus dem leer stehenden Laden in der Innenstadt wurde kein Versicherungsbüro und auch keine Fahrschule, sondern ein Wettbewerber für Krawuttke- Bestattungen. Was will der hier? Warum gerade unser Ort? Was können wir dagegen setzen? Fragen über Fragen. Mir brummte der Schädel. Zukunftsängste und Panik machten sich breit.

Doch plötzlich entspannte sich die Lage merklich. Der Betrieb hatte noch nicht eröffnet, aber die Schaufenster-Gestaltung war schon fertig. Und was durfte ich dort in großen Lettern lesen? Schmidt und Menzel – die Bestatterinnen. Ja, sie haben richtig gelesen – die Bestatterinnen. Ein Weiber-Laden!  Sofort als ich das sah, habe ich meine Frau angerufen und ihr die frohe Botschaft mitgeteilt. „Hör mal Schatz, ich kann Entwarnung geben. Der neue Bestatter in der Innenstadt ist gar kein Bestatter. Was? Ja nee, kannste getrost vergessen den Laden. Zwei Mädels, die sich wohl dachten, Schuhgeschäfte haben wir schon genug in der Stadt, machen wir mal eben ein Bestattungsgeschäft auf. Und schreiben das auch noch aufs Schaufenster! Die Bestatterinnen! Ich mein, wer geht denn da hin? Wenn man schon im Vorfeld weiß, da sitzen nur Weiber rum. Ja, Schatz, ich weiß Schatz.  Nee bei uns ist das was anderes. Du kennst dich ja mittlerweile gut aus und außerdem bin ich ja auch noch da.“

Nicht, dass sie mich falsch verstehen. Ich bin schon für die Gleichberechtigung. Frauen sollen arbeiten gehen und nicht nur Zuhause für die Kinder da sein. Aber bitte dann in Berufen, wo es passt. Bestatter ist definitiv kein Beruf für Frauen. Ich will mal ein paar Beispiele nennen. Bestattungsfahrzeuge sind lang und unübersichtlich. Keine Frau würde so ein Fahrzeug jemals in eine durchschnittliche Parklücke bekommen. Oder das Beratungsgespräch: Angehörige von Verstorbenen sind emotional in der Regel sehr aufgewühlt. Sie brauchen dann einen Partner der einen kühlen Kopf bewahrt und die Dinge, die zu regeln sind, völlig emotionslos abarbeitet.  Das kann nur ein Mann. Aber sollen sich die Damen Menzel und Schudbidu ruhig mal ausprobieren. Bin mal gespannt, wie sie den ersten drei Zentner-Mann aus dem zweiten Stock ins Auto bekommen. Irgendwann werden sie auch feststellen, dass das gemeinsame Weinen mit den Angehörigen sich nur rechnet, wenn man die gereichten Papier-Taschentücher mit 5 Euro pro Stück weiterberechnet.

Die ersten drei Monate nach der Eröffnung des neuen Bestattungsinstitutes haben uns bereits mehr als 50% unseres Umsatzes gekostet. Ich schob das auf den Neuheiten-Effekt, letztlich war es aber Resultat einer schamlosen Werbekampagne,  bei der die Damen Menzel und Schmidt mit platten geschlechtsspezifischen Klischees nur so um sich warfen. So warben Sie in unserer Lokalzeitung mit dem Spruch: „Wir können zwar nicht einparken. Aber Taschentücher gibt´s  umsonst.“ Ich konterte gleich mit einer Gegenanzeige und behauptete:  „Wir weinen nicht, wir handeln!“  Letztlich aber hat uns das auch nicht die verloren gegangenen Kunden zurück gebracht und so teilen wir uns jetzt den Markt. Wer nah am Wasser gebaut ist und eine eigene Garageneinfahrt hat geht zu den Frauen, wer über drei Zentner wiegt, kommt zu uns.

 



Kommentieren

*
*

*