15.12.08
Virtuelle Konkurrenz?

Als Bestattungsunternehmer hat man es heutzutage nicht leicht. Dabei dachte ich immer, unser Gewerbe wäre so krisensicher wie kein zweites. „Gestorben wird immer“, sagte schon mein Großvater. Da kann man nichts gegen sagen, dachte ich mir. Wenn es eine Wahrheit gibt, dann diese. Und bisher war es auch immer so. Wilhelm Krawuttke Bestattungen, Tradition seit 1930 – das ist hier vor Ort seit Jahrzehnten eine feste Größe. Wenn gestorben wurde, dann mit uns.

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© Echtgemalt

Doch neuerdings scheint die Welt aus den Fugen geraten zu sein. Das Telefon schweigt seit Wochen. Ich verbringe den Tag damit, aus dem Schaufenster zu schauen. Da gehen einem dann ganz komische Gedanken durch den Kopf. Ich sage mir immer, ich darf nicht so denken. Freu dich doch, dass sie alle so quicklebendig auf der Straße herumlaufen, dass sie kerngesund zu sein scheinen und keiner nach Atem ringend an irgendeiner Häuserfront lehnt. Selbst der alte Erwin Schulze hat sich nach seiner schweren Bypass-Operation prächtig erholt und jetzt noch das Nordic Walking angefangen. Ich habe das Gefühl, er klackert mit seinen Stöcken immer extra an meinem Laden vorbei, nur um mir zu zeigen, dass seine Zeit noch lange nicht gekommen ist. Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Ich gönne jedem Menschen ein langes und erfülltes Leben. Aber ich lebe nun mal davon, dass dies irgendwann mal zu Ende geht und meine Dienstleistung gebraucht wird. 

Es ist nicht so, dass hier vor Ort nicht mehr gestorben wird. Ich lese ja die Zeitung und habe meine Kontakte und weiß Bescheid. Der alte Herr Schneider ist zum Beispiel letzte Woche sanft entschlafen und gestern feierlich beigesetzt worden. Allerdings nicht von uns. Genauso wenig wie Frau Schäfer – Gott hab sie selig –,   deren Mann ich noch vor drei Jahren beerdigt habe. Beide sind von der neuen lokalen Konkurrenz bestattet worden, die erst vor zwei Monaten in dem alten kleinen Büro am Markt eröffnet hat, wo Heinz Schäfer früher seine Versicherungsagentur drin hatte. Die haben noch nicht mal ein Schaufenster, geschweige denn einen Verkaufsraum oder ein Lager. Ich kenne die Räumlichkeiten, ein kleines Büro mit zwei  Schreibtischen und ein paar Stühlen, mehr passt da nicht rein. Wie da Kunden würdevoll empfangen und vor allem kompetent beraten werden sollen, ist mir schleierhaft. Aber dafür haben sie ja das Internet.

Der Computer scheint bei denen irgendwie alles zu ersetzen, was unsereins sich mit viel Mühe und Liebe zum Detail erarbeitet hat. Ihre Anzeigen in der Zeitung und im Telefonbuch bestehen nur aus der Internetadresse und der Telefonnummer. Mehr steht da nicht. Mehr scheinen die wohl auch nicht zu brauchen. Alles andere ist virtuell. Särge, Wäsche, Urnen – alles kann man sich auf deren Internetseite genau anschauen. Natürlich habe ich da auch mal reingeschaut. Ich sag mal: Wem´s gefällt…. Mir ist so etwas ja zu unpersönlich. Gerade in unserem Metier kommt es ja darauf an, den Hinterbliebenen in ihrer Trauer persönlich beizustehen. Als echter Mensch und nicht als Menüpunkt zum Anklicken.

Aber ich will mich gar nicht aufregen. Die Kunden werden sehr schnell merken, dass das Internet kein Ersatz ist für jahrzehntelange Erfahrung und eine Familientradition seit 1930. Wir hatten immer mal wieder gute und weniger gute Zeiten im Geschäft. Die www-Konkurrenz werden wir auch noch überleben. Daher heißt es jetzt: Schluss mit dem trübsinnigen aus dem Schaufenster schauen! Stattdessen die freie Zeit aktiv und sinnvoll nutzen. Ich glaube, ich kaufe mir auch so Stöcker und fang an mit Nordic Walking.

 


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